Stellungnahme des Bach-Archivs Leipzig

Bach-Archiv
Mo 31.8.26

Statement vom 31. August 2026

Der Vorstand des Bach-Archivs Leipzig und der Intendant des Bachfestes Leipzig haben mit Kenntnisnahme des Stiftungsrates der Stiftung Bach-Archiv Leipzig beschlossen, an dem für das Bachfest Leipzig 2027 geplanten Abschlusskonzert mit Sir John Eliot Gardiner und The Constellation Orchestra & Choir festzuhalten:

Diese Entscheidung haben wir nach umfänglicher Abwägung getroffen: Dass eine Mitarbeiterin bei unserem Festival grenzüberschreitendes Verhalten eines Künstlers erleben musste, hat uns und viele andere Menschen aufgewühlt und verpflichtet uns, unsere eigenen Strukturen und Abläufe kritisch zu überprüfen. Der betroffenen Kollegin haben wir nach dem Vorfall Unterstützung und Hilfe angeboten.

Für die Bewertung des Geschehens haben wir uns bewusst nicht auf eine einzelne Perspektive beschränkt, sondern unabhängige Expertise aus unterschiedlichen Fachgebieten eingeholt. Ein strafrechtliches Gutachten kommt nach Prüfung des vorliegenden Videomaterials zu dem Ergebnis, dass keine Strafbarkeit erkennbar ist. Eine arbeitsrechtliche Prüfung sieht kein schuldhaftes Verhalten des Bachfestes gegenüber der Mitarbeiterin. Eine psychologische Expertise wiederum bestätigt, dass die Situation von der betroffenen Kollegin sehr wohl als Grenzverletzung erlebt werden konnte und dieses Erleben ernst zu nehmen ist.

Diese unterschiedlichen Befunde stehen für uns nicht im Widerspruch zueinander. Sie zeigen vielmehr, dass sich die Verantwortung einer Kulturinstitution nicht in der Frage erschöpft, ob ein Verhalten strafbar war oder ob rechtliche Pflichten verletzt wurden. Wir haben auch die Verantwortung, die Perspektive unserer Mitarbeitenden ernst zu nehmen, Schutz zu gewährleisten und aus Konflikten Konsequenzen für unsere eigenen Strukturen zu ziehen.

Wir tragen die Verantwortung, einen solchen Vorgang sorgfältig und auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen zu beurteilen. Die strafrechtliche Klärung ist noch nicht abgeschlossen. Sir John Eliot Gardiner hat sich unmittelbar nach dem Vorfall um eine persönliche Klärung bemüht und persönlich und schriftlich um Entschuldigung gebeten.

Zugleich erreichten uns seitens unseres Publikums, der musizierenden Ensembles, unserer Förderer und Sponsorinnen und – nicht zuletzt – unseres Teams zahlreiche Zuschriften, die leidenschaftlich Gardiners Auftritt oder eben dessen Absage forderten. Für viele der vorgetragenen Standpunkte – mögen sie auch noch so unvereinbar scheinen – haben wir Verständnis und haben diese in unsere Erwägungen einbezogen.

In der Gesamtabwägung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass der Vorfall eine Absage des seit mehreren Jahren geplanten Konzerts zum jetzigen Zeitpunkt nicht rechtfertigt. Über das Jahr 2027 hinaus werden zunächst keine neuen künstlerischen Projekte mit Sir John Eliot Gardiner vereinbart. Sollte es zu einer neuen Bewertung auf der Basis der Arbeit der Justizbehörden kommen, werden wir auch die Entscheidung über das Abschlusskonzert 2027 erneut prüfen.

Für uns ist ebenso wichtig: Das Bachfest zieht Konsequenzen, die über diesen konkreten Fall hinausgehen. Wir erarbeiten derzeit einen verbindlichen Verhaltenskodex für Künstlerinnen und Künstler, Mitarbeitende und weitere Mitwirkende und werden ein festivalweites Awareness-Konzept mit klaren Ansprechstellen und Meldewegen entwickeln. Auch unsere internen Abläufe in der Künstlerbetreuung und Applausordnung werden überprüft und verbindlicher geregelt.

Ein Festival trägt Verantwortung für die Kunst, die es ermöglicht – und für die Menschen, die diese Kunst möglich machen – auf und hinter der Bühne. Beidem wollen wir mit dieser Entscheidung gerecht werden.

 

Statement des Stiftungsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Burkhard Jung:

„Als Vorsitzender des Stiftungsrates des Bach-Archivs begrüße ich die aus meiner Sicht sorgfältig abgewogene Entscheidung des Vorstands des Bach-Archivs und der Intendanz des Bachfestes, Sir Eliot Gardiner auch im nächsten Jahr zum Bachfest als Dirigent einzuladen. Die Maßnahmen zum Schutz aller am Bachfest beteiligten Mitarbeitenden, Künstler und Gäste, die das Bach-Archiv als Resultat auf den Vorfall bereits ergriffen hat und noch ergreifen wird, sind sehr klar.

Ich halte es für vertretbar und richtig, Sir John Eliot Gardiner in der aktuellen Lage die Chance zu geben, das bereits verbindlich geplante Konzert von The Constellation Orchestra & Choir im Bachfest 2027 zu dirigieren. Natürlich setzt dies voraus, dass die strafrechtliche Aufarbeitung des Vorfalls zu keiner Verurteilung führt und Gardiner weiterhin uneingeschränkt zu seiner unmittelbar erfolgten Entschuldigung für sein Verhalten gegenüber einer Mitarbeiterin des Bachfestes steht.“

 

Statement vom 21. Juni 2026

Am 16. Juni hat es am Ende eines Konzertes im Rahmen des Bachfestes einen Vorfall von grenzüberschreitenden Verhalten eines Dirigenten gegenüber einer Mitarbeiterin unseres Veranstaltungsteams gegeben. Die Situation ereignete sich im Rahmen der Applausordnung auf der Empore der Thomaskirche. Mit der Betroffenen wurden nach Bekanntwerden des Vorfalls Gespräche geführt sowie psychologische Unterstützung angeboten. Der Dirigent hat sie um Entschuldigung gebeten und sein Fehlverhalten eingeräumt.
Direktor Peter Wollny und Intendant Michael Maul haben in einer kurzfristig einberufenen Team-Versammlung das Fehlverhalten benannt und verurteilt. Der Vorstand wird den Vorfall nach dem Abschluss des Bachfestes mit der gebotenen Sorgfalt auswerten und Maßnahmen für ein sicheres Arbeitsumfeld ausbauen.

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