Neues aus unserer Sammlung

»Als Musiker zu Musikern von Bachs Musik reden«

 

Das Bach-Archiv Leipzig hat drei Bände (I, III, V) der sehr seltenen deutschsprachigen Ausgabe der »Sämtlichen Orgelwerke« von J. S. Bach, herausgegeben zwischen 1912 und 1914 von Charles-Marie Widor und Albert Schweitzer, als Geschenk der Musikhochschule Münster erhalten. Die in keiner weiteren deutschsprachigen Bibliothek erhaltenen Bände sind für unsere Sammlung von größtem Wert.

 

 

Albert Schweitzer (1875–1965) war neben seiner Tätigkeit als Arzt in dem von ihm gegründeten Krankenhaus in Lambaréné (Afrika) auch ein bedeutender Organist und Musikwissenschaftler, der sich vor allem mit dem Werk Johann Sebastian Bachs auseinander setzte. Er studierte ab 1898 in Paris Orgel bei Charles-Marie Widor (1844–1937), der ihn entscheidend beeinflusst hat. Die Beziehung der beiden entwickelte sich zu einer tiefen Freundschaft. Im Jahr 1900 beschäftigten sie sich mit den bis dahin am Pariser Konservatorium weitgehend unbekannten Choralvorspielen Bachs. Schweitzer, im Elsass aufgewachsen und sowohl des Deutschen als auch des Französischen mächtig, übertrug die Dichtungen der Choralvorspiele ins Französische und machte sie damit auch für Widor verständlicher. Daraufhin regte Widor die Entstehung einer französischsprachigen Einführung in Bachs Werke an: 1905 veröffentlichte Schweitzer schließlich das Buch unter dem Titel J.-S. Bach, le musicien-poète; die völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte deutschsprachige Fassung erschien 1908. Darin standen weniger biographische Aspekte im Mittelpunkt als vielmehr die Deutung des Wesens der Musik. Schweitzer wollte »als Musiker zu Musikern von Bachs Musik reden«.

 

Bereits 1907 trat der New Yorker Verlag G. Schirmer mit der Bitte an Charles-Marie Widor heran, eine Gesamtausgabe der Orgelwerke Bachs für den amerikanischen, französischen und deutschen Markt herauszugeben – Widor bat wiederum Albert Schweitzer um seine Mitarbeit. Eine Notenseite aus Band IIn ihrer neuen Ausgabe sollte der Notentext, der auf der Grundlage der alten Bach-Gesamtausgabe erstellt wurde, frei von allen Zusätzen der Herausgeber abgedruckt werden und sich dadurch von den bisherigen Ausgaben unterscheiden. Alle für den Organisten notwendigen Erklärungen wollten sie in ausführlichen Vorworten darlegen. Schweitzer entwarf Skizzen, die dann gemeinsam mit Widor ausgearbeitet wurden. Bei Differenzen entschied man, Widors Meinung für die französische und Schweitzers Meinung für die deutsche und englische Ausgabe zu berücksichtigen.

 

Der Gesamtplan der Ausgabe sah acht Bände vor – zwischen 1912 und 1914 erschienen die ersten fünf. Die Vorworte der fehlenden Bände VI–VIII waren im Sommer 1914 auch nahezu fertiggestellt. Aufgrund des Krieges und wegen schlechter Verkaufszahlen der ersten Bände (Schirmer konnte keinen europäischen Verlag für den Vertrieb der französischen und deutschen Ausgabe finden), legte der Verlag das gesamte Projekt vorerst auf Eis. Erst 1949 nahm Schweitzer die Arbeit an den restlichen Vorworten wieder auf, nun unter der Mitarbeit von Edouard Nies-Berger (1904–2002), da Widor inzwischen gestorben war. Der VI. Band erschien 1954, der VII. und VIII. Band erst zwei Jahre nach Schweitzers Tod. Diese drei Bände wurden ausschließlich in englischer Sprache publiziert; eine Fortsetzung der deutschen und französischen Ausgabe gab es nicht.

 

> Hier geht es zum Eintrag der Ausgabe in der Bach-Bibliographie.

 

Ein verschollenes Porträt von Bachs Enkel

 

Ein verschollen geglaubtes Porträt von Bachs Enkel, dem Berliner Komponisten Wilhelm Friedrich Ernst Bach (1759–1845), wurde dem Bach-Archiv Leipzig von der Sing-Akademie zu Berlin als Dauerleihgabe überlassen. Das Bildnis entstand um 1844 auf Veranlassung von Felix Mendelssohn Bartholdy im Umfeld der Einweihung des ersten Leipziger Bach-Denkmals. Im Jahr 2012 war es im Münchner Kunsthandel wieder aufgetaucht. Ab Januar 2016 wird es in der Schatzkammer unseres Museums zu sehen sein.

 

 

Als am 23. April 1843 das von Felix Mendelssohn Bartholdy gestiftete Bach-Denkmal in Leipzig eingeweiht wurde, wohnte auf Einladung des Stifters auch der letzte noch lebende Enkel des Thomaskantors der Feierstunde bei. Wilhelm Friedrich Ernst war von seinem Vater, dem Konzertmeister am Bückeburger Hof Johann Christoph Friedrich Bach, sowie von dessen Brüdern Carl Philipp Emanuel und Johann Christian ausgebildet worden. Später wirkte er als Lehrer der regierenden Königin Friederike Luise von Preußen.

 

Das in Öl auf Karton gemalte Portrait (253 x 202 mm) ist nicht signiert, wird aber dem Berliner Maler Eduard Magnus (1799–1872) zugeschrieben, der seinerzeit etliche Berliner Musikerpersönlichkeiten porträtierte und ein enger Freund Felix Mendelssohn Bartholdys war. Das Porträt befand sich zunächst im Besitz der Familie und gelangte nach dem Tod von Wilhelm Friedrich Ernsts Tochter Caroline im Jahr 1871 in den Besitz der Sing-Akademie zu Berlin.

 

Der damalige Direktor der Sing-Akademie August Eduard Grell vermerkte auf der Rückseite des Bildes Angaben zur Biografie des Portraitierten, zur Leipziger Denkmals-Weihe und zur Provenienz des Gemäldes. Im Jahr 1919 gab der spätere Direktor der Sing-Akademie Georg Alfred Schumann eine Kopie des Bildes in Auftrag, die dann ins Bach-Museum nach Eisenach gelangte. Danach verloren sich die Spuren des Originals, bevor es im März 2012 im Münchner Kunsthandel wieder auftauchte. Am 6. Dezember 2015 wurde das Bildnis von seinem Entdecker, dem vormaligen Leiter des Münchner Stadtarchivs Dr. Richard Bauer, im Rahmen einer Feierstunde im Bach-Archiv Leipzig der Sing-Akademie zu Berlin rückübereignet. Der Vorstand der Sing-Akademie verfügte die Übergabe des Bildes als Dauerleihgabe an das Bach-Museum Leipzig. Es wird nun in der Schatzkammer unseres Museums – und damit unweit des von Felix Mendelssohn Bartholdy gestifteten Bach-Denkmals – eine neue Heimat finden.

 

Matthias Claudius zu Besuch bei Carl Philipp Emanuel Bach

 

Im Jubiläumsjahr zum 200. Todestag von Matthias Claudius konnte das Bach-Archiv einen seit Jahrzehnten verschollenen Brief des Dichters erwerben, in dem Claudius über ein Privatkonzert bei Carl Philipp Emanuel Bach berichtet. (English version)

 

 

Es muss ein großes Vergnügen gewesen sein, Carl Philipp Emanuel Bach bei einem Besuch in seiner Hamburger Wohnung an einem seiner Instrumente erleben zu können. Im Oktober 1768 gelang es dem damals 29-jährigen Matthias Claudius in diesen Genuss zu kommen, indem ihn sein Dichterkollege gestattet, ihn auf einen Besuch bei Bach zu begleiten: »Ich allein konnte Bachen nicht zum Spielen bringen, daher ich Lessingen bat, mich einmal mitzunehmen.«

 

Bach bekleidete sein Amt als Hamburger Musikdirektor damals noch  nicht einmal ein Jahr und schon war nicht nur sein Spiel, sondern offenbar auch sein Instrument in aller Munde: »Das kleine berühmte Silbermannsche Clavier hat einen hellen, durchdringenden, süßen Ton, keine außerordentliche Stärke im Baß, keinen außerordentlich sanften, schmeichelnden Diskant und geht nur bis e’’’. Auf diesem Clavier spielte Bach zwey Adagio und ein Allegro, die er ausdrücklich für dieses Clavier gesetzt hat.«

 

Claudius vergleicht Bachs Spiel mit dem ruhigen Vortrag eines Redners, der seine Gedanken wohl überlegt vorträgt. Gerade deshalb dürfte der Dichter Bach anschließend gebeten haben, seine Fantasia in c-Moll (aus der Klaviersonate Wq 63/6) vorzutragen. Das Stück galt unter den zeitgenössischen Kunstästhetikern als Paradebeispiel des sogenannten ›Redenden Prinzips‹ in der Musik. Die dahinterstehenden Überlegungen gingen schließlich sogar soweit, dass der Dichter Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (an den dieser Brief übrigens gerichtet ist) Bachs Klavierfantasie mehrere Gesangstexte unterlegte, um die Sprachgewalt, die auch instrumentale Kompositionen böten, zu illustrieren.

 

Hier finden Sie den Datensatz des Briefes in unserem Bibliothekskatalog.

 

Außerdem: Hören Sie in unserem youtube-Kanal Carl Philipp Emanuel Bachs Fantasia in c-Moll, interpretiert von Jean-Christophe Dijoux, Bach-Preisträger des XIX. Internationalen Bach-Wettbewerbs Leipzig 2014.

 

 

Bach kehrt nach Leipzig zurück!

 

Nach 265 Jahren kehrt das berühmte Bach-Portrait des Leipziger Malers Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1748 nach Leipzig zurück. Ermöglicht wurde dies durch den amerikanischen Musikwissenschaftler und Philanthrop Dr. William H. Scheide, der anlässlich seines 100. Geburtstag das Bach-Archiv Leipzig als Erben des Bildes bestimmte. Nun ist es Teil unserer Sammlung und wird dauerhaft im Bach-Museum ausgestellt.
 

 

 

Das Bild zeigt Johann Sebastian Bach im Alter von etwa 60 Jahren in förmlicher Pose. In der rechten Hand hält der Abgebildete ein Blatt mit dem »Canon triplex à 6 Voc: per J. S. Bach« als Hinweis auf die raffinierte Beherrschung seines Handwerks. Haußmann fertigte das Portrait in zwei Exemplaren aus. Wesentlich besser erhalten ist das zweite Original aus dem Jahr 1748. Dieses fasziniert durch seine strahlenden Farben und scharfen Konturen ebenso wie durch eine bewegende Geschichte. Das Bild von 1748 entstammt dem Erbteil von Carl Philipp Emanuel Bach und wurde einst als Teil der umfangreichen Portraitsammlung des zweitältesten Bach-Sohnes in Hamburg ausgestellt. Im Nachlassverzeichnis des »Hamburger Bach« aus dem Jahr 1790 wird es folgendermaßen beschrieben: »Bach (Johann Sebastian) Kapellmeister und Musik-Director in Leipzig. In Oel gemahlt von Haus-mann. 2 Fuß, 8 Zoll hoch, 2 Fuß, 2 Zoll breit. In goldenen Rahmen.«

 

Ab dem frühen 19. Jahrhundert war das Gemälde im Besitz der jüdischen Familie Jenke aus Breslau. Walter Jenke, Nachfahre der einstigen Käufer, musste in den 1930er Jahren aus Deutschland emigrieren. Um das Gemälde vor den Bombenangriffen zu schützen, bewahrte Jenke das Bild auf dem Landsitz der befreundeten Familie Gardiner in Dorset auf. Sir John Eliot Gardiner, der heutige Präsident des Bach-Archivs, konnte so im Angesicht von Bachs Antlitz aufwachsen.

 

1952 erwarb der Bach-Forscher und -Sammler William H. Scheide aus Princeton/New Jersey das Bild bei einer Auktion. Scheide, der bereits im Bach-Jahr 1985 den Wunsch geäußert hatte, »sein Bach« möge eines Tages nach Hause zurückkehren, hatte dem Leipziger Bach-Archiv anlässlich seines Besuchs beim Bachfest Leipzig 2003 ein exklusives Vorkaufsrecht eingeräumt. Gemeinsam mit seiner Frau Judith bestimmte er schließlich das Bach-Archiv zum Erben des Bildes. Bill Scheide starb am 14. November 2014, als Mitglied des Kuratoriums gehörte er seit 2001 zu den großzügigsten und langjährigsten Förderern des Bach-Archivs Leipzig.

 

Inspirationsquelle für die Matthäus-Passion

 

Seit einigen Jahren bemüht sich das Bach-Archiv um die Rekonstruktion von Bachs theologischer Bibliothek. In der »Specificatio der Verlaßenschaft des seelig verstorbenen Herrn Johann Sebastian Bachs« – also dem Inventar über Bachs Nachlass aus dem Jahr 1750, das sich im Leipziger Staatsarchiv erhalten hat – findet sich eine Aufstellung von über drei Dutzend Titeln geistlicher Bücher, die einen Eindruck von Bachs weitreichendem theologischen Interesse vermitteln. Durch Erwerbungen auf dem internationalen Antquariatsmarkt versucht das Bach-Archiv nun Bachs Bücherschrank in Form von Parallelexemplaren der verzeichneten Werke zu rekonstruieren.

 

 

 

Die »Apostolische Schlußkette und Krafft-Kern oder gründliche Außlegung der gewöhnlichen Sonn- und Festtagsepisteln« (hier in der dritten Auflage von 1680) besaß Bach gleich in mehreren Ausgaben. Ihr Verfasser ist der Rostocker Theologe Heinrich Müller (1631–1675), dessen Schriften im 17. und 18. Jahrhundert in den protestantischen Reichsgebieten weit verbreitet waren. Gedanken und sprachliche Bilder aus seinen Passionspredigten dienten noch Bachs Leipziger Textdichter Christian Friedrich Henrici, alias Picander, als Vorlage zum Libretto der Matthäus-Passion.

 

> Hier geht es zum Eintrag des Werkes in der Bach-Bibliographie.

 

Ein Vorbild für Bachs »Clavier-Übung«

 

Ein besonders schönes Exemplar der seltenen Erstausgabe von Johann Kuhnaus »Neuer Clavier-Übung« (1689) konnte vom Bach-Archiv schon 2012 beim Auktionshaus Sotheby's erworben werden.

 

 

 

Den Titel »Clavier-Übung« verbinden wir heute in erster Linie mit den Klavierkompositionen, die Johann Sebastian Bach zwischen 1731 und 1741 in vier Teilen im Druck veröffentlicht hat – darunter befinden sich so bekannte Werke wie das Italienische Konzert und die Goldberg-Variationen. Tatsächlich geht der Begriff der Clavier-Übung aber auf eine Sammlung von Bachs Leipziger Amtsvorgänger Johann Kuhnau (1660–1722) zurück. Bevor dieser von 1701 bis 1722 das Thomaskantorat verwaltete, war er bereits von 1684 an Organist an der Thomaskirche gewesen. In dieser Zeit veröffentlichte er seine zweiteilige, aus jeweils sieben Suiten bestehende »Neue Clavier-Übung«. Ausgehend von Kuhnaus Sammlung wurde der Titel »Clavier-Übung« bald zum Inbegriff anspruchsvoller Clavier-Literatur. Neben Kuhnau und Bach findet er sich auch bei Johann Krieger in Zittau, Johann Ludwig Krebs in Zwickau, Georg Andreas Sorge in Lobenstein und Vincent Lübeck in Hamburg.

 

Kuhnau war der letzte große Universalgelehrte, der das Amt des Thomaskantors in Leipzig bekleidete. Neben seinen Kompositionen – er schrieb viele Kantaten, Clavier-Werke und sogar eine Oper – wurden seine literarischen, juristischen, mathematischen wie auch linguistischen Fähigkeiten und Kenntnisse von den Zeitgenossen gleichermaßen geschätzt.

 

Bereits 2012 konnte das Bach-Archiv ein besonders schönes Exemplar der heute extrem seltenen Ausgabe von Kuhnaus Clavier-Übung von 1689 erwerben. Das handkolorierte Titelkupfer zeigt Kuhnau vor dem Hintergrund einer Gebirgslandschaft, die auf seine Herkunft aus dem erzgebirgischen Geising mit dem nahegelegenen Schloss Lauenstein zu verweisen scheint.

 

> Hier geht es zum Eintrag des Werkes in der Bach-Bibliographie.

 

»Ein gnädiger und Music so wohl liebender als kennender Fürst«

 

Ein unbekanntes Portrait von Fürst Leopold zu Anhalt-Köthen, Bachs musikliebendem Dienstherren der Jahre 1717 bis 1723, konnte kürzlich für unsere Sammlung erworben werden.

 

Fürst Leopold zu Anhalt-Köthen (1694–1728) zählt zu den bedeutendsten Förderern Johann Sebastian Bachs. Nach einer ausgedehnten Kavalierstour, die ihn zwischen 1710 und 1713 in die musikalischen Zentren Europas geführt hatte, begann er in seinem kleinen Fürstentum unmittelbar mit der Gründung einer eigenen Hofkapelle. Für die Leitung dieses Ensembles konnte er ab 1717 Johann Sebastian Bach gewinnen, der in Köthen einige seiner glücklichsten Jahre verbringen sollte. Hier komponierte er viele seiner berühmtesten Instrumentalwerke, darunter die Brandenburgischen Konzerte, die Partiten und Sonaten für Solovioline und die Cellosuiten. Dass der Fürst ihm die besten Rahmenbedingungen für seine Arbeit bot, schreibt Bach noch über ein Jahrzehnt später, zu einer Zeit als er sich in Leipzig mit einer »der Music wenig ergebenen Obrigkeit« – dem Leipziger Rat – wohl oder übel arrangieren musste: »Daselbst [in Köthen] hatte einen gnädigen und Music so wohl liebenden als kennenden Fürsten; bey welchem auch meinete meine Lebenszeit zu beschließen. Es muste sich aber fügen, daß erwehnter Serenißimus sich mit einer Berenburgischen Princeßin vermählete, da es denn das Ansehen gewinnen wolte, als ob die musicalische Inclination bey besagtem Fürsten in etwas laulicht werden wolte, zumahln da die neue Fürstin schiene eine Amusa zu seyn.«

 

Der offenbar musik-feindlichen Haltung von Leopolds Gattin ungeachtet, blieb Bach seinem Fürsten auch nach seiner Übersiedelung nach Leipzig noch bis zu dessen Tod verbunden. Den Erstdruck von Partita I (BWV 825) aus der Clavier-Übung widmete er 1726 dem im selben Jahr geborenen Köthener Erbprinzen und Leopolds frühen Tod im Alter von gerade einmal 33 Jahren besang der Thomaskantor mit der Trauermusik »Klagt, Kinder, klagt es aller Welt« (BWV 244a).

 

Bei dem nun erworbenen Portrait handelt es sich um eine Ölminiatur (8 x 6 cm) aus den Jahren um 1715/20, auf deren Rückseite der Schriftzug »Leopold ... Anno 22« zu lesen ist. Mithin scheint das Portrait den jungen, erst 22jährigen Fürsten etwa zu jener Zeit zu zeigen, als er Johann Sebastian Bach zu seinem Hofkapellmeister berief.

 

Das Köthener Schloss im 17. Jahrhundert (Bach-Archiv Leipzig, Graph. Slg. 11-32)

 

Bachs letzte Amtshandlung

 

Ein lange verschollen geglaubtes Dokument zu Bachs letzter Amtshandlung ist nach Leipzig zurückgekehrt. Es handelt sich um die Quittung einer Auszahlung aus dem »Legatum Lobwasserianum«, die zuletzt 1908 bei einer Versteigerung des Leipziger Auktionshauses C. G. Boerner zu sehen war. Der Umstand, dass die Unterschrift bei Empfang der Legatszahlung von seinem jüngsten, damals 14jährigen Sohn Johann Christian geleistet wurde, ist einziges Zeugnis von Bachs labilem Gesundheitszustand nach der Augenoperation durch den Okulisten John Taylor.

 

 

Ein einziges Dokument gibt heute Auskunft über den Zustand Johann Sebastian Bachs nach der Augenoperation durch den englischen Okulisten John Taylor im April 1750. Der Quittungszettel - zuletzt 1908 bei einer Versteigerung des Leipziger Auktionshauses C. G. Boerner zu sehen und lange verschollen geglaubt – ist Zeugnis der letzten nachweislichen Amtshandlung des Thomaskantors. Johann Sebastian Bach beauftragt Anfang Juli 1750 seinen jüngsten Sohn, den knapp 15jährigen Johann Christian, die jährlich anfallende Auszahlung aus dem »Legatum Lobwasserianum« in Empfang zu nehmen und zu quittieren. Noch im selben Monat verstirbt der Komponist.

 

Bachs Augenarzt John Taylor (1703–1772, Bach-Archiv Leipzig, Graph. Slg. 2/21)Der Umstand, dass die Unterschrift bei Empfang der Legatszahlung nicht von Bach selbst, sondern von seinem jüngsten Sohn Johann Christian geleistet wurde, deutet darauf hin, dass Bach möglicherweise damals schon außer Stande war, die Kantorenwohnung am Thomaskirchhof zu verlassen. Da die Verwaltung und Auszahlung des Lobwasserschen Kapitals durch einen Diakon der Thomaskirche erfolgt ist, hätte Bach seine Wohnung vielleicht aber nicht einmal verlassen müssen, um die Zinsgelder in Empfang zu nehmen. Die Schriftzüge des Sohnes Johann Christian erinnern uns eindrucksvoll daran, dass Bach nach der Augenoperation im April seine Sehkraft einbüßte und dass seine Gesundheit schon vier Wochen vor seinem Tod so labil war, dass er nicht einmal mehr in der Lage war, selbst einfachste Schreibdienste noch selbst zu erledigen.

 

Das »Legatum Lobwasserianum« geht auf eine Stiftung der frommen Leipziger Juristenwitwe Maria Lobwasser († 28. 4. 1610) in Höhe von 1.000 Gulden zurück. Die jährlich anfallenden Zinserträge dieses Kapitals von 50 Gulden waren zur Unterstützung der Kirchen- und Schuldiener zu St. Thomas bestimmt, wobei dem Kantor, dem Konrektor und dem Tertius der Thomasschule jeweils 2 Gulden zustanden. Dies entspricht etwa der Größenordnung des durchschnittlichen Wochenlohns eines Organisten der Bach-Zeit. Die Auszahlung erfolgte auf Wunsch der Verstorbenen am Tag Mariae Heimsuchung, dem 2. Juli.

 

Im Dezember 2014 tauchte die untere Hälfte des Blattes (mit der Quittung von 1750) auf einer Auktion der Firma Swann’s in New York auf. Der Dokumentation war zu entnehmen, dass sich zumindest dieses Fragment vormals im Besitz der berühmten Cembalistin Wanda Landowska (1879–1959) befunden hatte. Mit der großzügigen Unterstützung von drei Kuratoriumsmitgliedern des Bach-Archivs Leipzig – Catherine von Fürstenberg-Dussmann, Elias N. Kulukundis und Arend Oetker – gelang es, das Dokument wieder nach Leipzig zurückzuholen und ihm im Bach-Archiv Leipzig eine dauerhafte Bleibe zu geben.

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